Wenn man heute die Nachhaltigkeit eines Modeunternehmens bewerten will, kann das für Endverbraucher eine Mammutaufgabe sein. Oft müsste man sich mehrere Berichte von unterschiedlichen NGOs oder Multistakeholder Initiativen durchforsten. Die eine bewertet Materialien, die nächste den Umgang mit Chemie, wieder eine weitere die Arbeitsbedingungen … Da kann man schon den Überblick verlieren. Mit unserem FutureScore möchten wir all diese unterschiedlichen Aspekte zusammenführen und übersichtlich darstellen.
Die Bewertungskriterien
Nach diesen Kriterien bewerten wir Modeunternehmen, um die Frage zu beantworten: „Wie nachhaltig ist die Modebranche?“ Dabei schauen wir uns sowohl die unabhängigen Prüfstellen als auch die Selbstinformationen an und bewerten diese nach Glaubwürdigkeit. Was uns nicht interessiert, sind Versprechen für die Zukunft, wie zum Beispiel „Bis 2030 wollen wir XY erreicht haben“ – uns interessiert lediglich der Stand von heute.
Es gibt viele Organisationen, die den Unternehmen Tools zur Verfügung stellen, um Nachhaltigkeit zu tracken. Die Unternehmen haben dann aber meistens die Freiheit zu entscheiden, was sie mit den Ergebnissen machen, welche sie kommunizieren und welche sie schönreden. Deshalb schenken wir besonders den Tools Beachtung, die öffentlich sind, denn hier entsteht der Druck auf Unternehmen.
Was wir nicht bewerten
1. Qualität: Natürlich ist eine hohe, langlebige Qualität ein wichtiger Aspekt der Nachhaltigkeit. wir können Qualität nicht bewerten und wollen uns auch nicht auf Kundenrezensionen verlassen
2. Nachhaltigkeit hinter verschlossenen Türen: Wir berücksichtigen vor allem transparente, öffentlich zugängliche Daten. Stellt ein Unternehmen diese nicht zur Verfügung, können wir das nicht bewerten. Ob das Unternehmen nicht doch hinter verschlossenen Türen Maßnahmen ergreift, wissen wir nicht.
Produktion und Lieferkette
Grundsätzlich kann man Menschen fair bezahlen und behandeln – egal, wo auf der Welt.
Deshalb fließen hier unabhängige Kontrollen/Siegel ein und nicht der Produktionsort.
- [1] Generelle Mitgliedschaft einer Organisation oder ein Siegel. Ab diesem Zeitpunkt lässt sich das Unternehmen in die Karten schauen. Auch wenn noch nicht alles perfekt läuft, ist das für uns ein klares Bekenntnis zu mehr Nachhaltigkeit.
- [1] Einen Punkt geben wir, wenn Meilensteine erreicht wurden oder ein Fortschritt ersichtlich ist. Zum Beispiel, wenn der Overall-Score einer B-Corporation über dem Branchendurchschnitt liegt oder der Brand-Performance-Check der FWF ausschlägt.
Alternativ berücksichtigen wir auch Auswertungen, die den Fashion Transparency Index, Know the Chain oder der World Benchmarking Alliance - [1] Einen weiteren Punkt geben wir, wenn das Unternehmen LEADER Status bei der FWF oder Fortschritte macht, die deutlich über den Branchendurchschnitt hinausgehen.
Diese Organisationen und Siegel berücksichtigen wir:
FWF, Bcorp, Become, Grüner Knopf, OekoTex Made in Green, GOTS, Fairtrade, Sustainable Apparel Coalition, Fair Labor Association,
Seit die jährlichen Reviews beim Bündnis für nachhaltige Textilien nicht mehr öffentlich zugänglich sind, messen wir dem nur noch eine untergeordnete Bedeutung bei und seit Transparency Deutschland Vorwürfe wegen Korruption erhebt und als Gründungsmitglied ausgetreten ist, sehen wir eine zunehmende Unterwanderung von Lobbyisten und eine Verwässerung des ursprünglich guten Ansatzes.
Transparenz
Dieser Punkt ist für mehrere Aspekte wichtig. Zum einen wollen wir auch fair gegenüber Start-ups sein, die sich das Geld für ein Siegel oder eine Mitgliedschaft sparen. Dann sollten sie aber transparent mit den folgenden Punkten umgehen.
Auch für die Unternehmen, die ein Siegel haben, halten wir es für eine schöne Zusatzinfo, zumal etwa die Fair Wear Foundation nicht in allen Ländern aktiv ist und es so immer Lücken gibt.
- [0,5] Transparency Pledge: Lieferkettentransparenz ist eine Voraussetzung für externe Kontrolle. Legt das Unternehmen seine Lieferantenfabriken gemäß dem Standard der Transparency Pledge offen oder verpflichtet sich dazu?
- [0,5] Open Supply Hub: Veröffentlicht das Unternehmen auch Standorte und Akteure in tieferen Lieferkettenstufen – etwa Materialverarbeitung, Spinnereien, Färbereien, Rohstoffe – und nicht nur Endfertigung? Gerade Kinderarbeitsrisiken liegen häufig vor der Endfertigung, etwa bei Rohstoffen, informeller Heimarbeit oder nicht transparenten Subunternehmern.
- [1] Existenzsichernde Löhne: Löhne müssen Existenzen sichern! Ein Mindestlohn tut das oft nicht (Living Wage Gap). Deshalb zählt für uns auch nur der existenzsichernde Lohn. Für diesen Punkt werfen wir einen Blick in das Business & Human Rights Resource Centre, der wichtigsten globalen Datenbank für Unternehmensverantwortung.
- [1] Gewerkschaften: Hat das Unternehmen ein globales Rahmenabkommen abgeschlossen. Das ist deutlich stärker als ein Code of Conduct. Ein solches Abkommen wird auf globaler Ebene zwischen einem Unternehmen und einer internationalen Gewerkschaftsorganisation verhandelt. Es soll Mindeststandards zu Arbeitsrechten über Länder und Lieferketten hinweg festschreiben, typischerweise einschließlich:
- Vereinigungsfreiheit,
- Recht auf Kollektivverhandlungen,
- Verbot von Diskriminierung,
- Umgang mit Konflikten und Beschwerden,
- Zusammenarbeit mit Gewerkschaften.
- [1] Kinderarbeit: Beim Thema Kinderarbeit halten wir Audits nicht für zielführend, da man davon ausgehen kann, dass Zulieferer Kinderarbeit „verstecken“ wollen. Arbeitet man dagegen mit NGOs vor Ort zusammen, die das Gespräch mit Jugendlichen und Kindern außerhalb der Fabriken suchen, erhalten wir einen unverfälschten Eindruck über Kinderarbeit. Community-Based Child Labour Monitoring and Remediation Systems nennt man das, kurz: CLMRS. Bekannte NGOs sind zum Beispiel:
- [1] Wenn es in den letzten 5 Jahren keine Skandale/bekannten Vorfälle gab. Wir ziehen aber Punkte ab, wenn es aktuelle Angriffe auf Menschenrechtsverteidiger:innen. Dazu können etwa Gewerkschaftsvertreter:innen, Arbeitsrechtsaktivist:innen, lokale NGOs oder Personen gehören, die Missstände öffentlich machen.
- [1] Tools, mit denen man das Produkt nachverfolgen kann? Zum Beispiel retraced
FutureScore Punkte: max. 9
Material
Das Material ist neben der Produktion und der Transparenz die dritte wichtige Säule für Nachhaltigkeit. Hier ist für uns nicht so entscheidend, ob jetzt Holzfasern oder Baumwolle verwendet werden. Vegane Mode ist unserer Meinung nach die nachhaltigste Variante, deshalb gibt es hier auch einen extra Punkt. Wer konventionelle Materialien verwendet, bekommt ebenfalls Punktabzug. Pluspunkte gibt es für Bio und Recyclingmaterial, entsprechende Rohstoffsiegel.
- [1] Siegel wie GOTS, Oeko-Tex oder Fairtrade, Cotton Made in Africa. Nur dann werten wir auch die Baumwolle als nachhaltig. Eigene Standards oder BCI berücksichtigen wir nicht.
- [1] Natur- und Biomaterialien (mindestens 50 %)
[1] Biomaterialien (100 %) - [1] Mindestens 2 % der Fasern sind recycelte Textilfasern. Unsere Recherchen haben erben, dass dieser Wert realistisch ist. Es gibt Kleidungsstücke, da kann der Anteil deutlich höher sein, wir bewerten aber den Durchschnitt
- [1] Plastikfreie Kleidung. Das ist quasi der Bonuspunkt und wir werten den, wenn ein beträchtlicher Teil der Kollektion ohne Polyester auskommt.
- [0,5] vegan. Wir halten tierische Materialien für überflüssig. Der Ressourcenverbrauch für eine zusätzliche Tierhaltung ist in den meisten Fällen zu hoch.
- [0,5] Fur Free. Wenn nicht 100 % vegan, dann sollten Unternehmen wenigstens auf Pelz verzichten.
FutureScore Punkte: max. 6
Fast Fashion
Ein unschöner Trend in der Modeindustrie ist sicher Fast Fashion. Zwar definiert sich Fast Fashion auch durch die durchschnittliche Tragedauer eines Kleidungsstückes, was auch mit der Qualität zusammenhängt. Das können wir nicht bewerten. Wir nehmen daher die Anzahl der Kollektionen als Indiz für Fast Fashion. (Diesen Wert haben wir mit V3 im Juli 2025 eingeführt.)
- [2] unter 5 Kollektionen pro Jahr. Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind unserer Ansicht nach legitim und bekommen daher die volle Punktzahl.
- [1] unter 10 Kollektionen pro Jahr: Hier befinden wir uns an der Schwelle zu Fast Fashion
- [0] Ab 10 Kollektionen pro Jahr bewerten wir ein Unternehmen als Fast-Fashion-Marke. Eine Unterscheidung zu Ultra-Fast-Fashion machen wir nicht mehr.
FutureScore-Punkte: max. 2
Produktion
An dieser Stelle bewerten wir nicht die Arbeitsbedingungen, sondern die Produktion an sich – wie umweltfreundlich und sozialverträglich wird produziert?
- Verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen. Referenzjahr: 2018.
[1] Mindestens 40 % des Verpackungsmülls konnten reduziert werden.
[1] Mindestens 20 % der produktionsbedingten Abfälle werden reduziert (Schnittabfälle)
[1] Mindestens 30 % Wasser werden eingespart.
[1] Mindestens 70 % Wasser werden eingespart. - Chemie: Wir orientieren uns an den ZDHC-Richtlinien (Roadmap-to-Zero-Meilensteine) und an bluesign. Die ZDHC ist aus dem Greenpeace-Detox-Abkommen hervorgegangen und wir betrachten die Initiative als äußerst wertvoll. Wir berücksichtigen Unternehmen, die auf der Detox Live Map gelistet sind oder einen entsprechendes Level erreicht haben.
[1] Mitglieder der ZDHC oder einer klaren Liste verbotener Chemikalien bekommen einen Punkt
[1] Mindestens 70 % der Zulieferer erreichen Level 1 der Roadmap to Zero. Oder Level Champion
[1] Mindestens 50 % der Zulieferer erreichen Level 2 der Roadmap to Zero. Oder Level Accelerator
[1] Nature Impact mindestens 50% (World Benchmarking Alliance)
[1] Alternativ oder zusätzlich bewerten wir eine bluesign-Systempartnerschaft, da sie einen ganzheitlichen Ansatz zu Chemikalienmanagement für Mensch und Umwelt beinhaltet. - CO₂-Reduktion: Wir orientieren uns an den Vorgaben der Europäischen Union. Es gibt zwar keine verbindlichen Werte für die Modeindustrie, aber andere Branchen müssen bis 2030 40 % einsparen. 2018 ist für uns der Referenzwert, weil die meisten Unternehmen da die ersten Schritte eingeleitet haben.
[1] Mindestens 20 % weniger CO₂-Emissionen im Vergleich zu 2018
[1] Mindestens 40 % weniger CO₂-Emissionen im Vergleich zu 2018
FutureScore-Punkte: max.10
Kreislauffähigkeit/Reparierbarkeit
Die Kreislauffähigkeit wird immer wichtiger und es gibt die ersten Produkte, die vollständig kreislauffähig sind – also am Ende ihres Lebens getrennt und/oder vollständig recycelt werden können. Auch Reparaturprogramme honorieren wir in dieser Kategorie.
- [1] Gibt es eine Roadmap/klares Konzept für Kreislauffähigkeit? Das zeigt uns, dass das Thema bei den Konzernen schon mal auf dem Schirm ist.
- [1] Mindestens 5 % der Kollektion ist bereits kreislauffähig. Bis 2017 halten wir einen Anteil von 20–30 % für realistisch. Aktuell sind 5 % möglich.
- [1] Reparierbarkeit. Bieten die Unternehmen einen Reparaturservice an oder Ähnliches?
FutureScore-Punkte: max. 3
Zusammengefasst können Modeunternehmen also 30 Punkte erreichen.
Wir haben die Prozentwerte mithilfe von KI ermittelt und nach realistischen Zielvorgaben definiert. Manchmal mag das zu gering erscheinen, aber kein Unternehmen ist in der Lage seine Produktion auf Knopfdruck umzustellen. Beim Material richten wir uns nach Marktverfügbarkeiten.
Changelog:
Version 2.0 (April 2025): Vereinfachung der Kriterien und transparentere Darstellung einiger Unterpunkte.
Version 3.0 (Juli 2025): Neu eingeführt: Berücksichtigung der Anzahl der jährlichen Kollektionen (Fast Fashion)
Version 4.0 (August 2025): Der Punkt „umweltfreundliche Produktion“ floss mit 3 Punkten zu schwach in die Wertung ein. Die Kriterien für die Produktion haben wir deutlich verschärft: Den Einsatz von Chemikalien bewerten wir jetzt anhand der ZDHC-Prüfungen. Ebenso bewerten wir die Anstrengungen zur CO₂-Einsparung jetzt stärker. Statt Naturfasern bepunkten wir nur noch Biomaterial. Der Wasserverbrauch fließt stärker in die Bewertung ein und wir bewerten neu, ob es eine klar erkennbare Strategie zur Müllvermeidung gibt.
Version 5.0 (Februar 2026): Fokussierung auf klare Kennzahlen
- Produktionsort EU und 3rd werden nicht mehr unterschieden. Da eine faire Produktion nicht vom Standort abhängt.
- Kreislauffähigkeit bewerten wir jetzt stärker. Einen Punkt gibt es für eine klare Vision/Roadmap. Das zeigt, dass die Unternehmen das Thema auf dem Schirm haben. Wir halten einen Anteil von mindestens 20 % kreislauffähiger Produkte für realistisch
- Bei der Müllvermeidung haben wir bisher lediglich einen Punkt für ein Konzept vergeben. Das reicht uns nicht mehr. Außerdem verstehen viele Konzerne lediglich die Reduktion von Verpackungsmaterial darunter. Das ist zwar gut, aber vernachlässigt Produktionsabfälle. Einen Punkt gibt es jetzt bei einer Reduktion der Verpackung und einen für produktionsbedingte Abfälle.
- Der Einsatz von recyceltem Plastik gibt jetzt keinen Punkt mehr. Da Mischgewebe sowohl Mikroplastikabrieb verursacht, als auch entgegen einer Kreislaufstrategie ist. Punkte gibt es hier nur noch für den Einsatz von recycelten Textilfasern. Diese können aus Schnittresten oder klassischem Textilrecycling stammen
- Zusätzliches ökologisches und soziales Engagement hat keinen Einfluss mehr mehr auf den FutureScore. Zu groß das Risiko, dass Unternehmen hier Greenwashing betreiben und keiner klare Zahlen nennt wieviel genau in diese Projekte fließen. Dieser Punkt wird nur noch „lobend erwähnt“
Version 6.0 (August 2026):
- Die Punkte Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit und Lieferkettentransparenz werden jetzt strenger bewertet. Bisher haben wir die Selbstauskünfte berücksichtigt, jetzt gleichen wir diese mit dem Business & Human Rights Resource Centre ab.
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