ACT steht für Action, Collaboration, Transformation. Es ist eine internationale Initiative in der Textil-, Bekleidungs- und Schuhindustrie, die höhere, existenzsichernde Löhne (living wages) und bessere Arbeitsbeziehungen in globalen Lieferketten fördern will.
Der zentrale Ansatz lautet: Löhne sollen nicht bloß durch freiwillige Unternehmensprogramme oder einzelne Fabrikvereinbarungen steigen, sondern durch Tarifverhandlungen auf Branchenebene im jeweiligen Produktionsland. Dabei sollen Marken und Händler ihre Einkaufspraktiken – etwa Preise, Vertragsbedingungen und längerfristige Auftragsvolumina – so gestalten, dass Zulieferer vereinbarte Lohnerhöhungen auch finanzieren können. Die ILO beschreibt ACT als grenzüberschreitendes Programm für sozialen Dialog. ILO: ACT-Initiative
Einfluss auf den FutureScore
Wir halten ACT für einen sinnvollen Ansatz. Da er aber nur partiell zum Einsatz kommt, auf Selbstverpflichtungen beruht und wenig Transparenz bei den konkreten Umsetzungen der beteiligten Unternehmen bietet, hat die Mitgliedschaft keine Auswirkungen auf unseren FutureScore
Wer steckt dahinter?
ACT geht auf ein Memorandum of Understanding aus dem Jahr 2014 zurück und wurde als Initiative bzw. Stiftung ab 2016 aufgebaut. Die tragenden Parteien sind:
- IndustriALL Global Union, ein internationaler Gewerkschaftsbund, der unter anderem Beschäftigte der Textil- und Bekleidungsindustrie vertritt.
- Globale Marken und Handelsunternehmen aus der Bekleidungs-, Textil- und Schuhbranche.
- Auf Länderebene wirken außerdem Arbeitgeberverbände, Zulieferbetriebe, lokale Gewerkschaften und teils staatliche Stellen mit.
ACT selbst beschreibt sich als Vereinbarung zwischen globalen Marken bzw. Händlern und IndustriALL. Die ILO nennt derzeit 20 beteiligte Marken sowie IndustriALL und ihre angeschlossenen Gewerkschaften in den jeweiligen Ländern. ACT · ILO
Wie soll das praktisch wirken?
Vereinfacht:
- Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände handeln Löhne und Arbeitsbedingungen aus.
- Die Ergebnisse sollen möglichst für eine ganze Branche oder einen großen Teil davon gelten, nicht nur für einzelne Fabriken.
- Marken verpflichten sich, ihre Beschaffung daran auszurichten – etwa indem Arbeitskosten in die Einkaufspreise einfließen und Aufträge nicht wegen höherer Löhne abgezogen werden.
- ACT unterstützt zudem Vereinigungsfreiheit, Tarifverhandlungen und Beschwerde- bzw. Streitbeilegungsmechanismen.
Der Gedanke dahinter: Wenn einzelne Fabriken bessere Löhne zahlen, stehen sie sonst unter Wettbewerbsdruck gegenüber billigeren Konkurrenten. Branchenweite Vereinbarungen sollen diesen Anreiz zum Lohndumping abschwächen. Ethical Trading Initiative: Erklärung des ACT-Modells
Gibt es konkrete Ergebnisse?
Ja, aber sie sind stark nach Ländern und Rechtsform zu unterscheiden.
Besonders hervorzuheben ist Kambodscha: Dort wurden laut ILO ab 2024 individuelle, verbindliche Vereinbarungen zwischen mehreren Marken und IndustriALL geschlossen. Sie sollen Tarifvereinbarungen unterstützen, Beschaffungsvolumina absichern und zusätzliche Lohnkosten in den Einkaufspreisen berücksichtigen. ILO: Kambodscha-Abschnitt
ACT nennt außerdem Arbeit in Bangladesch, Kambodscha, Myanmar und der Türkei. In Myanmar und der Türkei ging es unter anderem um Leitlinien bzw. Vereinbarungen zur Vereinigungsfreiheit; in Kambodscha steht die Verbindung zwischen Tarifabschlüssen und verbindlichen Marken-Zusagen im Vordergrund. ILO
Gibt es Kritik?
Ja – zumindest grundsätzliche und berechtigte Kritikpunkte an solchen Multi-Stakeholder-Initiativen. In den von mir geprüften Suchergebnissen fand ich allerdings keine gut belegte, aktuelle, umfangreiche unabhängige Kritik, die ACT als Ganzes grundsätzlich delegitimiert. Die kritischen Fragen sind vor allem:
- Freiwilligkeit und Durchsetzung: Die ursprüngliche ACT-Architektur beruhte weitgehend auf Zusammenarbeit und Selbstverpflichtungen. Entscheidend ist daher, ob Verpflichtungen tatsächlich rechtlich einklagbar, unabhängig überprüft und bei Verstößen sanktionierbar sind. Die neueren Kambodscha-Vereinbarungen sind gerade deshalb relevant, weil sie laut ILO verbindliche Elemente enthalten.
- Reichweite: ACT deckt nicht automatisch alle Marken, Fabriken oder Beschäftigten ab. Ein Branchenmodell kann sehr wirksam sein, seine Wirkung bleibt aber begrenzt, solange nur ein Teil der Einkäufer und Produktionsstätten mitmacht.
- „Living Wage“ ist nicht automatisch garantiert: Tarifverhandlungen können Löhne erhöhen, führen aber nicht zwangsläufig unmittelbar zu einem existenzsichernden Lohn. Das Ergebnis hängt von Gewerkschaftsfreiheit, Verhandlungsmacht, Rechtsstaatlichkeit, Auftragslage und konkreten Einkaufsbedingungen ab.
- Interessenkonflikt: Marken sind zugleich Teil der Lösung und Teil des Problems: Niedrige Einkaufspreise, kurzfristige Bestellungen und Verlagerungsdrohungen können Lohnsteigerungen untergraben. Deshalb sollte man Aussagen von ACT und beteiligten Marken zu Wirkungen stets von unabhängigen Daten und den Erfahrungen lokaler Gewerkschaften abgleichen.
- Transparenz und unabhängige Wirkungsmessung: Eigene Fortschrittsberichte sind hilfreich, aber kein Ersatz für externe Evaluationen, veröffentlichte Verträge, überprüfbare Preis- und Volumenzusagen sowie zugängliche Beschwerdemechanismen für Beschäftigte.
Ist ACT seriös und glaubwürdig?
Im institutionellen Sinn: ja, grundsätzlich. ACT ist keine unbekannte oder offenkundig unseriöse Kampagne. Dafür sprechen:
- die formelle Beteiligung von IndustriALL Global Union;
- die Einordnung und Dokumentation durch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO);
- die Beteiligung etablierter internationaler Marken;
- der Fokus auf anerkannte arbeitsrechtliche Prinzipien: Vereinigungsfreiheit, Tarifverhandlungen und existenzsichernde Löhne;
- in Kambodscha dokumentierte Schritte zu verbindlicheren Markenvereinbarungen. ILO · ACT Cambodia
Aber: „seriös“ bedeutet nicht automatisch „nachweislich umfassend wirksam“. ACT ist am plausibelsten als ein ernstzunehmender, gewerkschaftlich mitgetragener Ansatz zu bewerten – nicht als Gütesiegel dafür, dass jede beteiligte Marke bereits überall existenzsichernde Löhne zahlt oder dass alle Arbeitsrechtsprobleme in ihren Lieferketten gelöst wären.
Kurzfazit
ACT ist eine glaubwürdige, institutionell gut verankerte Initiative mit einem vergleichsweise substanziellen Ansatz: Sie versucht, Löhne über Tarifverhandlungen und verbindlichere Einkaufspraktiken strukturell zu verbessern, statt allein auf Audits oder freiwillige Verhaltenskodizes zu setzen. Die entscheidende Bewährungsprobe bleibt jedoch die Umsetzung: Sind Marken-Zusagen verbindlich, transparent, unabhängig kontrolliert – und kommen die Lohnverbesserungen tatsächlich bei den Beschäftigten an?
Zusammenfassung des ACT Accountability and Monitoring Report 2025
Das Kernziel von ACT ist es, durch bessere Einkaufspraktiken der Marken die Basis für Kollektivverhandlungen und existenzsichernde Löhne in den Lieferketten zu schaffen.
Hier ist die Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:
1. Das Grundprinzip: 360-Grad-Feedback
Die Glaubwürdigkeit des Berichts ergibt sich aus seiner Methodik. ACT nutzt ein Triangulationsmodell, um ein realistisches Bild zu erhalten:
- Commitment Questionnaire: Selbstauskunft der Marken.
- Brand Survey: Befragung der eigenen Mitarbeiter der Marken.
- Supplier Survey: Befragung der Zulieferer (die „Wahrheit“ aus der Fabrik).
2. Die 5 Kernverpflichtungen (Commitments) und Ergebnisse
Der Bericht bewertet den Fortschritt anhand eines Ampelsystems (RAG+):
- Commitment 1: Löhne als separate Kostenposition (Itemised Costs)
- Ziel: Löhne sollen in Preisverhandlungen „ring-fenced“ (geschützt) sein und nicht verhandelbar sein.
- Status: Fortschritt von „Rot“ auf „Gelb“. Im Schnitt sind 39 % des Einkaufsvolumens mit dem ACT-Lohnkostenprotokoll abgestimmt. Es gibt jedoch eine Wahrnehmungslücke: Marken bewerten sich hier oft besser als die Zulieferer.
- Commitment 2: Faire Zahlungsbedingungen
- Ziel: Pünktliche Zahlungen und keine einseitigen nachträglichen Änderungen.
- Status: „Gelb“. Die Pünktlichkeit der Zahlungen ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken (von 94 % auf 81 %).
- Commitment 3: Bessere Planung und Prognose (Forecasting)
- Ziel: Vermeidung von Last-Minute-Änderungen, die zu Überstunden oder Stress in den Fabriken führen.
- Status: „Gelb“. Alle Marken haben nun Planungssysteme eingeführt, aber die Genauigkeit der Prognosen hat abgenommen (Abweichung stieg von 13 % auf 24 %).
- Commitment 4: Schulung der Einkäufer
- Ziel: Einkäufer müssen verstehen, wie ihr Druck auf die Preise die Arbeitsbedingungen beeinflusst.
- Status: „Gelb“, aber mit einem Rückgang. Nur 54 % der relevanten Mitarbeiter wurden geschult (2023 waren es 64 %).
- Commitment 5: Verantwortungsbewusste Ausstiegsstrategien (Responsible Exit)
- Ziel: Wenn eine Marke eine Fabrik verlässt, soll dies sozialverträglich geschehen (Lohnzahlungen, Abfindungen).
- Status: „Gelb“. Hier gibt es positive Fortschritte: 83 % der Exits erfolgten unter Anwendung der ACT-Checkliste (vorher 67 %).
3. Zentrale Erkenntnisse („Key Takeaways“)
- Die Wahrnehmungslücke (Perception Gap): Dies ist der wichtigste Punkt des Berichts. Marken glauben oft, dass ihre Prozesse gut funktionieren, während die Zulieferer in der Praxis andere Erfahrungen machen (besonders bei Preisverhandlungen und Bestelländerungen).
- Was Zulieferer wirklich brauchen: In einer Umfrage gaben Zulieferer an, dass Preisverhandlungen (77 %) und Planung/Prognosen (64 %) die wichtigsten Hebel sind, damit sie ihren Arbeitern höhere Löhne zahlen können.
- Systemischer Ansatz: Der Bericht betont, dass „Compliance“ (Auditierung) allein nicht ausreicht. Nur wenn die Einkaufspraktiken der Marken stimmen UND soziale Dialoge (Gewerkschaften) in den Ländern funktionieren, steigen die Löhne nachhaltig.
Fazit
Der Report zeichnet ein gemischtes Bild. Es gibt strukturelle Fortschritte (Systeme sind vorhanden), aber die operative Umsetzung im Alltag (Genauigkeit der Prognosen, Schulung der Mitarbeiter, pünktliche Zahlung) ist oft lückenhaft oder hat sich sogar verschlechtert. Der Report dient somit als Instrument, um Marken an ihre öffentlichen Versprechen zu erinnern und sie durch Daten zur Verbesserung zu zwingen.